Tauchsafari im Sudan

Seit langem schon geplant, hat es bis zur Realisierung dieses aquanautischen Traums definitiv zu lange gedauert. Doch endlich ist es soweit: Es geht zur Tauchsafari in den Sudan!

Einige Gründe, die die Wartebank auf dieses Tauchabenteuer schier unendlich verlängert haben, waren einerseits die nicht unkomplizierte Anreise: Dabei waren die Visumsformalitäten noch das geringste Übel. Es sind auf der anderen Seite auch die nicht zu unterschätzenden Kosten für den Aufenthalt auf dem Safariboot.

Da lohnt es sich schon mal abzuwägen, ob man nicht generell 14 Tage statt der in Relation betrachtet recht teuren 7 Tage wählt - schon allein die Anreisedauer und lästigen Grenzkontrollen sowie die endlos erscheinenden Wartezeiten sprechen für einen längeren Aufenthalt.

Allein, die Unterwasserlandschaft gibt mehr als genug her für eine 2-wöchige Sudan Tauchsafari und die preisliche Differenz wäre nicht allzu hoch gewesen. Doch trotz aller dafür sprechenden Argumente haben wir uns aufgrund mangelnder Zeit für die Kurzvariante des Trips entschieden.

 

Vor der Abreise

Zuhause habe ich das Equipment 5 mal gecheckt, um sicher zu gehen, ja nichts Wichtiges beim Tauchgepäck zu vergessen; Kameragehäuse, Kamera, Blitz + Kabel, Ladegeräte,  Atemregler, Maske, Flossen usw. - alles dabei und von der Liste abgehakt.

Was wäre es doch für ein unsägliches Missgeschick, bei der viel versprechenden Tauchsafari im südlichen Teil des Roten Meeres die vermeintlich unbeschreiblichen Eindrücke nicht mittels Kamera festzuhalten und für die persönliche Sammlung einzufangen.

Nur noch ein paar Stunden Schlaf und schon werde ich Deutschland in Richtung Kairo verlassen.


Warten auf den Anschlussflug

Von Kairo sehen wir herzlich wenig - nur den Flughafen von Innen.

Unser Anschlussflug sollte eigentlich nach 2 Stunden abfliegen. Es dauert dann aber noch weitere 6 Stunden endlos scheinende Wartezeit, die wir Passagiere nach Sudan am Flughafen in einen fensterlosem Raum geradezu "interniert" sind.

Niemand kann uns eine Information geben und auch unseren Fragen am Schalter begegnet man mit nervösem Schulterzucken.

Grelles Neonlicht erhält die kleine Wartehalle. Eine flackernde Lampe zerrt an meinen übermüdeten Nerven, mein Buddy schläft - der Selige.

Da mir die abgewetzten, verklebten Hartschalensitze wenig Komfort für eine Mütze Schlaf bieten, packe ich mein Buch aus und vertreibe mir die Zeit mit Lesen.

Egal, das Ziel vor Augen kann mich so leicht nichts erschüttern... Abwarten und Teetrinken - im übertragenen Sinne. Teetrinken... wie originell, meine abgedroschene Phrase. Außer einem Süßigkeiten- und einem Getränkeautomaten mit den üblichen "Verdächtigen" gibt's rein gar nüschd. 

Dann endlich - es tut sich was in der Runde der Wartenden... es kommt Unruhe auf, ich blicke in Richtung Check-In Desk - der ägyptische Flughafenangestellte faltet gerade seinen Kollegen verbal zusammen.

Der genaue Grund erschließt sich mir nicht. Schon rennen ein paar der wenigen Mitreisenden der Sudan Air zum Schalterangestellten und nach wenigen Minuten kommen diese entnervt zurück. Man kommt ins Gespräch, ein Schweizer namens Urs erklärt mir, dass es sich um einen "Fehlalarm" handelt. Weiter warten.

Ob er denn auch zum Tauchen in den Sudan reisen würde. Urs verneint. Er ist auf dem Weg nach Sudan und nimmt von da aus einen Anschlussflug nach Namibia, wo er einen Job in einer Diamantenmiene hat.

Spannend, klingt das, hört sich abenteuerlich für mich an. Er ist Leiter des dortigen Wachpersonals, erzählt er. Ein nicht so aufregender Job, wie es sich vielleicht anhört, so Urs.

Und wir seien unterwegs zum Tauchen, gibt er höflich interessiert zurück. Mit vor Freude strahlendem Blick gebe ich ihm gerne und ein wenig zu lange Auskunft.

Während wir so ins Gespräch kommen, geht auch die Zeit schneller rum, was wir beide begrüßen. Und kaum, dass wir die Zeit selbst vergessen, kommt nach einem blechernen Räuspern und Husten aus den Lautsprechern der kleinen Aufenthaltshalle die Information, dass der Check-in Bereich nun aufmacht.

Erst auf Arabisch, dann auf Englisch, sodass auch für uns die Gewissheit besteht: Es geht voran. Nach Gepäckkontrolle - mal wieder ist mein schweres Unterwassergehäuse der Kamera ins Visier der Grenzkontrollen geraten - können wir unsere Koffer für den Flug nach Port Sudan aufgeben.

Endlich befreit von der großen und  schweren Tauchtasche sowie dem kleinen Rollkoffer (die Prioritäten sind klar), setzen wir uns wieder im Check-in Bereich und das Warten geht von vorne los. Diesmal soll es aber laut Anzeigetafel nur eine knappe Stunde dauern, bis endlich Boarding Time ansteht. Wieder vertreiben wir uns die Zeit mit Gesprächen.

 

Endlich Boarding Time

Nach einer kurzen Weile ertönt eine Glocke aus den Boxen, auf der Anzeigetafel springt ein Signal um und eine weibliche Stimme führt - so vermuten wir - in arabischer Sprache aus, dass die Maschine bereit zum Boarding ist.

Die englische Wiedergabe des vorangegangen bestätigt uns unsere Annahme - ebenso wie die Tatsache, dass sich zahlreiche Mitreisende im Check-in Bereich von ihren Sitzen erheben und Richtung Gate marschieren.

Wir lassen uns Zeit - das lange Warten scheint uns der Energie beraubt zu haben. Wozu auch hetzen? Schneller Abheben werden wir deswegen auch nicht.

Knapp 3 Stunden werden wir fliegen. Ein Blick auf die Uhr kündigt uns unsere Ankunftszeit für etwa 01.00 Uhr an. Dann noch die Zollformalitäten, Gepäck auspacken und verstauen - ich will gar nicht dran denken, sondern mich nur freuen auf die schönen Tauchgänge.


Ankunft Port Sudan 01.15 Uhr

Der Abflug hat sich aus unersichtlichen Gründen doch noch ein wenig verspätet - oder vielleicht haben wir die Durchsage der Crew auch nicht richtig verstanden. Nach ruhigem Flug sind wir nun endlich am Ziel unserer Reise - noch nicht ganz, aber wenige Minuten Fahrtzeit trennen uns noch von unserem Safariboot, der unter italienischer Leitung stehende Sherazade.

Aus den erhofften wenigen Minuten werden dann doch vielevieleviele.... Die Grenzkontrollen waren geradezu schikanös. Alle Gepäckstücke wurden geöffnet und durchsucht (im Nachhinein frage ich mich, wie die Italiener an Bord Mortadella, Wildschweinschinken und andere Spezialitäten ins Land schmuggeln konnten).

Mit Argwohn und offener Ablehnung werden wir inklusive unserer Gepäckstücke beäugt und unter die Lupe genommen. Die Grenzbeamten vermitteln eher den Eindruck, Besucher bereits bei der Einreise abschrecken zu wollen...

Wie ich später erfahre, erhält jedes für unbedenklich gehaltene Gepäckstück eine Gepäckmarke aufgeklebt, die am Ausgang der Kontrollstation wahre Wunder bewirkt - oder eben keine, wenn man sie vergisst, sie sich auf den Koffer und auf das Tauchgepäck kleben zu lassen.

Soweit, so gut... ich glaube, die interessierten Leser unter euch haben schnell erraten, dass meine Wenigkeit natürlich NICHT darauf geachtet hat, sich die Märkchen verpassen zu lassen. Und als ich schon freudestrahlend nach überstandener langwieriger Gepäckkontrolle erschöpft aber glücklich zum Ausgang stolziere, bremst der dort postierte Grenzbeamte nicht nur meine Euphorie sondern auch mich physisch ab und bedeutet mir über alle Sprachbarrieren hinweg, dass ohne besagte Märkchen "no passing" möglich ist.

Die versteinerte Miene des Beamten erstickt meine Hoffnung auf Nachsicht im Keim und ich stelle mich in der noch immer bestehenden Schlange der Einreisenden erneut an, um ein zweites Mal an der Gepäckkontrolle vorbei zu können.

Nach einer Viertelstunde stehe ich ein weiteres Mal vor dem Beamten, der mich mit genervtem Blick durchwinkt. Mir egal, Hauptsache ich bin da. Ich sehe meinen Buddy und gehe gerade in seine Richtung, als mich unser örtlicher Reiseleiter empfängt.

Uwe heißt er und macht einen netten Eindruck. Wirkt aber insgesamt ein wenig hektisch und gestresst.

Später wird er uns sagen, dass er immer 3 Kreuze macht, sofern seine Reiseteilnehmer durch die Zollformalitäten "durch" sind - daher die leichte Anspannung. Und tatsächlich: Als alle Teilnehmer anwesend sind und im Bus Platz genommen haben, weicht die Anspannung gänzlich von Uwe.
Nach einer 15 minütigen Fahrt erreichen wir den Hafen von Port Sudan. Neben einigen anderen Yachten vertäut erwartet uns unser Boot: Die "Sherazade".

Nach einer kurzen Fahrt mit den Dinghis besteigen wir endlich den Heck des Bootes und die Crew ist eifrig damit beschäftigt, das Gepäck der Tauchgäste an Deck zu hieven.

Uwe gibt uns unter der gnädigen Aussparung allzu vieler Details einen kurzen Überblick zum Boot und teilt uns mit, dass wir unser Tauchgepäck am besten direkt verstauen sollen, damit wir beim ersten Tauchgang morgen früh keine unnötige Zeit verlieren. Bei uns allen hält sich die Begeisterung diesbezüglich in Grenzen. Aber gemurrt wird nicht.

Die Vorfreude, die Aufregung und zuletzt auch die Müdigkeit hält unsere Zungen im Zaum. Während wir unser Equipment verstauen, lässt Uwe seine Einweisung zum Boot auf uns einwirken - die 33 Meter Yacht mit stabilem Stahlrumpf beherbergt zwei 500 PS starke Dieselaggregate, die auf See für den nötigen Vortrieb sorgen. Insgesamt 9 Doppelkabinen bieten den maximal 18 Tauchgästen einen bescheidenen Komfort.

Als nun endlich alle Utensilien und Gerätschaften in den vorgesehenen Boxen verstaut, alle Tauchanzüge aufgehangen sind, werden uns von der Crew die 2er Kabinen zugewiesen. "Endlich", denke ich. Ein Blick auf meinen Buddy bedeutet mir, dass auch er froh ist, sich endlich in die Koje werfen zu können.

Morgen erwartet uns sicher ein aufregender Tag und spannende Tauchgänge... wir wollen fit sein und selbst, wenn wir das nicht wollten: Die Müdigkeit nach der strapaziösen Anreise hat uns fest im Griff.


 Tag 1 - Checkdive auf Sha'ab Rumi

Es ist 05:30 Uhr, als ein Mitglied der Crew mit einem sanften Klopfen auf die Tür einen zögerlichen Versuch startet, uns aus dem Tiefschlaf zu holen.

Ich werde direkt wach, bin aber total übermüdet und benötige einige Sekunden, um zu realisieren, wo ich gerade bin. Nein, das ist nicht das heimatliche Schlafzimmer und es dauert einige Sekunden, bis ich begreife, dass ich mich an Bord des Safaribootes am Hafen von Port Sudan befinde.

Der beengte Raum unter Deck lässt keine Zweifel aufkommen: Wir sind im Sudan angekommen und bereits über Nacht zu unserem ersten Tauchplatz weitergefahren. Sha'ab Rumi steht für den ersten Tauchgang auf dem Plan.

Trotz Check-Dive-"Vorwarnung" von unseren Tauchguides verspricht der Tauchgang einzigartig zu werden, so zumindest die Ankündigungen der Guides während ihres Briefings.
Dann heißt es schnell Ausrüstung anlegen, jeder erhält die von ihm angesagte Menge an Gewichten und von der am Heck gelegenen Tauchplattform geht es dann zunächst einmal direkt ins Wasser, sodass alle ihre Tarierung im Wasser überprüfen können.

Ich selbst fühle mich mit den 6 Kilo Gewicht, die ich mir habe aushändigen lassen, noch nicht ganz sicher und beschließe noch 2 halbe Kilos hinzuzufügen.

Es gibt nichts Anstrengenderes als am Ende des Tauchganges beim Sicherheitsstop mit zu wenig Gewicht auf 5 Metern herumzustrampeln und krampfhaft zu versuchen, nicht an die Wasseroberfläche getrieben zu werden. Daher: Sicher ist sicher...!

Als sich alle austariert und akklimatisiert haben, geht es wieder zurück an Deck und von da aus in die Dinghis, die uns direkt an den Einstiegspunkt bringen sollen.

Das Wetter spielt mit: Nachdem sich der morgendliche Dunst verzogen hat, eröffnet sich uns ein strahlender Tag mit einer Sicht bis zum Horizont. Am frühen Morgen strahlt um uns noch ein kräftiges Blau.

Keinem der österreichischen und italienischen Gäste an Bord ist die Müdigkeit noch die Spuren des gestrigen Anreisetages anzumerken.

Alle sind zu aufgeregt, um wirklich müde zu sein

Und so bemerken wir von der kurzen Fahrt des Dinghis kaum etwas. Die See ist ein wenig unruhig, aber das leichte Geschaukel bemerken wir kaum als schon das Signal unseres Guides ertönt: Jetzt heißt es Flossen und Maske anlegen, der Bootsführer hilft uns in unsere mit den 15 Liter Tauchflaschen schwer beladenen Tauchjackets.

Noch ein letzter schneller Check der eigenen Ausrüstung und schon lassen wir uns rückwärts in die See plumpsen und treffen uns schnell wieder an der Wasseroberfläche. Die Buddyteams finden zueinander und nach dem "Ok" aller Teilnehmer tauchen wir endlich gemeinsam ab.

Ich merke sofort, dass es mein erster Tauchgang dieses Jahr ist, noch bin ich mit Ohren, Ausrüstung und den Eindrücken beschäftigt. Beim zweiten Tauchgang wird sich wieder die Routine eingestellt haben. Noch während ich einen Druckausgleich mache, entdecke ich das langgestreckte Plateau unter mir. Üppig bewachsen bietet es einer Menge Fischen Lebensraum.
Direkt unterhalb der Gruppe zieht ein Napoleon neugierig seine Bahnen. Es ist ein großes, ausgewachsenes Exemplar, dessen typische labyrinthartige Maserung den merkwürdigen Kopf dieses großen Lippfisches ziert. Mit seinen extrem beweglichen Augen beobachtet er uns eine zeitlang bis er dann nach befriedigter Neugier wieder davon schwimmt und im unergründlichen Blau des Ozeans verschwindet.

Wir entdecken am Plateau einige Peitschenkorallen, bei denen es sich immer lohnt, genauer hinzusehen und auch dieses Mal lohnt sich der Blick, denn ich entdecke zwei kleine Blennys. Die winzigen Fische liegen mit ihrem halbtransparenten Körper fast unsichtbar auf der Koralle.

Um uns herum ist überall ist "Fischsuppe". Es tummeln sich Makrelen, Schnapper aller Art und jede Menge Süßlippen auf der Suche nach Nahrung, von den unzähligen Variationen der Doktorfische ganz zu schweigen.

Es ist zu merken, dass die Fische ein wenig unruhig und hektisch dahinschwimmen. Der Grund wird uns nach wenigen Augenblicken klar: Ein Pärchen imposanter grauer Riffhaie taucht vor uns auf und gleitet desinteressiert an uns vorbei.

Verständlich: Die Beutefische sind wesentlich interessanter als wir! Vermutlich checken sie ab, ob wir als Beute- oder Revierkonkurrenten in Frage kommen könnten. Aber ungelenk und stelzig mit all unserem unhandlichen Equipment erkennen die eleganten Räuber schnell, dass wir für sie keine Konkurrenz noch Bedrohung sind.

 

Die ersten Haie!

Der Tauchgang wäre auch ohne Haisichtung schon spannend genug gewesen. Aber nun sind wir ganz aus dem Häuschen und die Begeisterung kennt kein Halten mehr. Als die beiden Meeresräuber weiterziehen folgt ihnen in gebührendem Abstand ein Schwarm Jungbarrakudas - als ob sie in respektvollem Abstand darauf warten würden, dass vom Beutezug der Haie noch der ein oder andere Happen abfallen könnte.

Vielleicht signalisieren die Barrakudas den Haien auch ihre zahlenmäßige Überlegenheit
Und so eilt die Zeit dahin und mir ihr auch die Atemluft in unseren Tanks. Ich blicke auf meinen Finimeter und stelle fest, dass sich unser erster Tauchgang im Sudan so langsam dem Ende zuneigt. Wie üblich versammelt sich die Tauchgruppe auf 5 Metern und absolviert dort ihren Sicherheitsstop. Während wir "austauchen", verabschiedet uns ein Schwarm großer Hornhechte knapp unterhalb der Wasseroberfläche. Was für ein Tauchgang!


 Tag 1 - Précontinent II auf Sha'ab Rumi

Nachdem wir den aufregenden Checkdive absolviert haben, genehmigen wir uns ein ausgiebiges Frühstück, das die Crew großzügig für uns bereitgestellt hat. Wider besseren Wissens schlage ich mir den Magen bis zur Oberkante voll und weiß, dass ich das beim bevorstehenden Tauchgang spätestens wieder bereuen werde.

Futtern als gäb's kein Morgen mehr...!

Nach dem Motto wandern Toasts, Rüheier, Kaffee und Saft in rauhen Mengen die Speiseröhre ihrer finalen Bestimmung entgegen. Der frühe erste Tauchgang hat ein kaum stillbares Hungergefühl hinterlassen und so kämpfen alle mit großem Apetit die Schlacht am kalten Buffet.

Als alle gesättigt sind, bleibt uns noch eine gute halbe Stunde bis zum Briefing - in spätestens einer Stunde werden wir uns wieder unter Wasser befinden und ich mache mir zu Recht ein wenig Sorgen um meinen vollgestopften Magen.

Erst beim Briefing erfahren wir, wo uns die Route hinführt. Wir bleiben bei Sha'ab Rumi und betauchen das verlassene Unterwasser-Habitat Précontinent II von Jacques Cousteaus Forschungscrew. In den 1960er Jahren hatten die Taucher ausführliche Unterwasserstudien dort betrieben und die Anlage nach Abschluss der Arbeiten sich selbst überlassen.

Wir sind gespannt und voller Erwartungen, denn auf den Spuren Herrn Cousteaus tauchen zu dürfen, ist für die teilnehmenden Taucher ein absolutes Highlight.

"Ob uns der Geist der Legende unter Wasser erleuchten wird?" Nur kurz streicht dieser - zugegeben schwülstige Gedanke - meine Hirnwindungen, dann bin ich schon wieder ganz bei mir und im Vordergrund steht nur die Freude auf das Tauchen.

Als wir eintauchen entdecken wir auch hier herrliche Korallengärten und reichlich Fisch. Langsam geht es auf eine Tauchtiefe von etwa 10 Metern hinab, während rechter Hand eine sanft abfallende wunderschöne Korallenwand vorbeizieht.

Schon nach wenigen Minuten erreichen wir sandingen Boden, der zur Riffkante hin flach abfällt. Die sandigen Bereiche werden gelegentlich von kleineren Korallenblöcken unterbrochen und in etwas mehr als 20 Metern entdecken wir ein kugelförmiges größeres Gebilde, das sich als das vor langer Zeit als Behausung der Taucher genutzte Habitat.

Die Natur hat dem Seeigel, wie das eigenwillig gebaute Konstrukt auch früher genannt wurde, íhr ganz eigenes Tarnkleid übergezogen: Hart- und Weichkorallen zieren die Oberfläche, sodass das von Menschenhand geschaffene Unterwasserkonstrukt kaum noch zu identifizieren ist.

Erst als wir näherkommen erkennt man Details. Wo sich heute zahlreiche Glasfische tummeln, war früher der enge Einstieg in die spärliche Behausung, die gleich meheren Tauchern als Ruhestätte dienen musste. Man bekommt schon ein mulmiges Gefühl, wenn man sich in dem platzmäßig wenig großzügigen Habitat aufhält und ich bin froh, als ich den Seeigel wieder verlassen kann.

Wenige Flossenschläge vom Habitat entfernt stoßen wir auf ein zeltähnliches Gebildes, das vom Zahn der Zeit schon deutlich angenagt wurde: Ein Teil der Stellplätze für die ursprünglich eingesetzten Unterwasserscooter der Crew steht vor uns - das Dach der Konstruktion ist weggerostet und den Rest des Gebildes halten nur die Korallen zusammen, so scheint es.

Die Überreste einer vergangenen Tauch-Ära

Während die anderen Taucher noch die Zeugen einer vergangenen Tauch-Ära gründlich erkunden, ziehen mein Buddy und ich noch einige Runden in der umliegenden Korallenlandschaft, die uns nun weit interessanter scheint. Wir entdecken viele Rifffische und Fahnenbarsche, die die schöne Landschaft mit bunten Tupfen überziehen.

Unter kleinen Überhängen entdecken wir eine kleine Schule Süßlippen und bei genauem Hinsehen tatsächlich auch zahlreiche Nacktschnecken.
Dann entdecke ich unseren Guide, der uns das Signal zum Aufbruch gibt - wo ein Tauchgang endet, wartet schon der nächste und ich bin mir gerade sicher geworden, dass die Entscheidung, im Sudan zu tauchen goldrichtig war!

Den Rest des Tages verbringen wir wie so oft auf Tauchsafaris im Dämmerzustand: Dösend in der wärmenden Sonne an Deck liegend oder sogar unter Deck, übermannt von Müdigkeit auf der Suche nach Schlaf.

Nun, wir benötigen noch ein paar Reserven, denn für den Abend wurde uns ein weiterer Tauchgang am Habitat von Cousteau versprochen. 

Wie sich herausstellen soll, verhauen wir uns ordentlich, denn beim Abtauchen verfehlen wir das sandige Plateau: Im Dunkel folgt ein Taucher dem anderen und verdutzt und teilweise peinlich berührt stellen wir fest, dass wir bereits auf 28 Metern angelangt sind. Großartig: Wie geistig minderbemittelte Anfänger haben wir einen der wichtigsten Größen des Tauchens missachtet: Die Tiefe. 

Nun, da wir früh unseren Fehler erkannt haben, bleibt uns noch ausreichend Zeit, diesen wieder auszubügeln und nach kurzer Zeit steigen wir wieder auf und finden schließlich das Plateau, auf dem wir den Rest des Tauchgangs absolvieren.


 Tag 2 - Sha'ab Suadi

Es geht wieder in aller Frühe raus - mit verklebten Augen schleppe ich mich schlaftrunken ins Bad - ob ich um die Uhrzeit wirklich aufstehen möchte, die Frage stelle ich mir gar nicht. Müde gleitet die Zahnbürste durch den Mund, dann checke ich im Halbschlaf (dass ich es im Halbschlaf getan habe, sollte sich später rächen!) die Kameraausrüstung und eile meinen Buddy im Schlepptau die Treppen hoch - it's Briefing-Time.

Heute geht es zu Sha'ab Suadi - einem Tauchplatz, der unter anderem bekannt ist wegen seines Schiffswracks "Blue Bell". Das Transportschiff verlor einen Teil seiner Ladung, unter anderem Fahrzeuge des Herstellers Toyota, die teilweise um das Wrack herum verstreut sind.

Den mutigen unter uns ermöglicht sich das Betauchen des Wrackinneren - jedoch in einer Tiefe von 42 Metern, was nicht unbedingt jedermanns Sache ist. Wir tauchen schnell durch und dürfen im Inneren einen Blick auf die Reste der Ladung werfen.

Surreale Szenerie: Fische über Toyotas

Wie um die surreale Szene noch zu unterstreichen, hat im dunklen Wrackinnern nahe eines noch erstaunlich intakten Toyotas eine kleine Schule Streifenbarben versammelt, als wolle sie den Toyota gegen Eindringlinge beschützen. Als die Strahlen unserer Taschenlampen über die Innenwände des gesunkenen Transporters streichen, entdecken wir die Tiere plötzlich in einer Ecke des Frachtraumes. Vom Schein der Lampen verschreckt, weichen sie durch das gegenüberliegende Loch in der Schiffswand.

Irgendwie skurril: Ein Autofriedhof unter Wasser - nun auch noch "Friedhofswächter" aus der Systematik der Knochenfische.

Wir verlassen das Wrackinnere, tauchen über das Schiff hinweg zurück in Richtung eines einzelnen Toyotas, der hier, wunderschön bewachsen, auf flachen Untergrund "gestrandet" ist.
Deutlich erkennbar sind noch die einzelnen Bestandteile des Autos, wenn auch stark mit Korallen überwuchert.

Chasis, Kühergrill, Lenkrad, Lampen und Fahrgestell, alles noch da.

Freundlicherweise zeigt mir unser Tauchguide die ideale Fotoposition, aus der heraus die idealen Aufnahmen gelingen sollen. Ich richte die Kamera über das Lenkrad des Toyotas hinweg aus, blicke durch den Sucher und wie ich sehe, sehe ich gar nichts. Noch ein wenig irritiert, kippe ich den Schalter der Kamera auf an, dann wieder auf aus - gehorsam signalisiert die kleine LED-Leuchte den jeweiligen Status - On/Off.

Doch bleibt das Bild auf dem Sucher immer schwarz. Der ein oder andere kundige Leser mag sich bereits vor Lachen auf die Schenkel klopfen - zu Recht: Nach Jahren widerfährt mir ein grober Anfängerfehler: Während der Überprüfung der Kamera in aller Frühe habe ich vergessen, den Objektivdeckel zu entfernen. Großes Kino. 

Als ich unserem Guide signalisiere, warum ich seine Bemühungen nicht mit entsprechenden Aufnahmen honoriere, setze ich einen betont lässigen Gesichtsausdruck auf - innerlich könnte ich mir in den Allerwertesten beißen.

Mit etwas Distanz allerdings muss auch ich wieder darüber schmunzeln. Eins ist sicher: Das wird mir nicht nochmal passieren... anderes sicher, DAS nicht! 

Ein echter "Profi" am Handwerk: Diesen Tauchgang wird es keine Bilder geben. 

Den Hohn meiner Mitstreiter habe ich mir redlich verdient.

Als alle anderen, die keinen Objektivdeckel vor ihrer Linse hatten, ihre Aufnahmen gemacht haben, tauchen wir in der Gruppe weiter Richtung Tauchgangsende auf einen großen Korallenblock zu. Als wir näher kommen, schrecke ich kurz zusammen - mir ist, als habe sich der Korallenblock ein Stück bewegt - vermutlich haben mir meine Augen einen Streich gespielt.

Wir tauchen weiter in Richtung des Korallenblocks und jetzt sehe ich tatsächlich einen großen Schatten, der sich hinter das Meeresgebilde zurückzieht.

Voller Erwartungen tauchen wir in Richtung der Bewegung - behutsam, um - was auch immer es sein mag - nicht gleich zu verscheuchen.

Da schiebt sich unter der Koralle ein großer Kopf hindurch, der uns mit fragenden Augen anstarrt - es ist ein riesiger Fischkopf, bei genauerem Hinsehen erkennen wir einen riesigen Zackenbarsch.

Das Tier schreckt zurück und als wir den Korallenblock umrunden, huscht ein riesiger Schatten davon: Das Tier muss mindesten 1,50 Meter lang gewesen sein, die steile Rückenpartie des Fisches dürfte an die Metergrenze herangereicht haben, wenn nicht sogar darüber hinaus.

Was für ein kolossaler Fisch, den wir auf dem Tauchgang erleben durften. Schade, dass er mehr Angst vor uns hatte, als wir vor ihm. Wir hätten ihn gerne noch eingehender studiert..
Bilder hätte ich ohnehin nicht machen können... wir erinnern uns...

Als wir weiterziehen, hören wir zirpenden Quietschgeräusch - wie immer unter Wasser ist es schwer zu orten, woher die Geräusche kommen.
Was es ist, wissen alle: Irgendwo um uns herum müssen Delfine unterwegs sein.

Dann erblicken wir die Tiere an der Wasseroberfläche. 4 adulte Tümmler und ein Jungtier ziehen schnell an uns vorbei - das Sahnehäubchen unseres Tauchgangs.
Der Tag lässt sich gut an und wir beenden gut gelaunt den ersten Tauchgang.

Auch den zweiten Tauchgang absolvieren wir am Sha'ab Suadi. Auf zahlreichen Wunsch tauchen wir dann an anderer Stelle weiter nördlich des Wracks der Blue Bell - somit komme ich nun nicht mehr in den Genuss, Bilder des Wracks und der Toyotas machen zu können.

Aber uns wird ein weiterer schöner Tauchgang beschert: Eine gesunde Mischung aus Hart- und Weichkorallen erwartet uns unter Wasser. Die Strömung ist mäßig und die Sicht gut. Ein kleiner Schwarm Stachelmakrelen passiert uns, als wir ein Feld mit Peitschenkorallen überqueren. 

In der Ferne entdecken wir einen einsamen grauen Riffhai, dem wir nicht allzu geheuer scheinen: Viel mehr als die Schwanzflosse des Tieres können nur die Vorderen in unserer Tauchgruppe erkennen.

Als wir vom Tauchgang zurück an Bord kommen, erwartet und die Crew freundlich mit Tee, Kaffee und Gebäck. Ein wenig müde und ausgekühlt, wie wir alle schon nach dem 5. Tauchgang sind, freuen wir uns über das selbstgebackene Naschwerk und die Heißgetränke.

Danach erst mal wieder chillen, bis der Nachttauchgang ansteht.


Tag 3 - Merlot Riff

Nachdem wir unseren 3. Nachttauchgang bei Sha'ab Suadi gemacht haben, stürzen wir uns hungrig auf das reichhaltige Buffet, das die Küchencrew für uns gezaubert hat; es ist immer wieder bemerkenswert, wie viel Leckereien aus einer derart kleinen Kombüse herausgetragen werden, angesichts der Tatsache, wie klein die Küchenräume auf den Safarischiffen oftmals ist. 

Ein Kompliment am Rande...

...sei der Küchencrew gewährt: Große Kreativität - und das auf engstem Raum - wird hier jeden Tag gezeigt und es ist stets lecker.

Aber ich schweife ab... Nach 3 Tauchgängen ist der Abend nur kurz, nach dem Essen verschwinden alle recht zeitnah in ihre Kajüten. Und während wir nachts schlafen und von einem neuen aufregenden Tag träumen, setzen wir unsere Fahrt weiter in Richtung Merlot Riff.

Das Wetter scheint uns nicht allzu gut gesinnt: Das Boot kämpft sich nachts durch die Wellenkämme hindurch und ich wache öfters auf. Als morgens die Motoren jedoch zum Anlegemanöver runterfahren, hat sich die Lage ein wenig beruhigt und die See wieder einigermaßen ruhig. 

Ein schneller Kaffee und ein paar Kekse bescheren uns ein erstes karges Frühstück. Ähnlich karg sind noch die Gespräche, morgens um 05.30 Uhr. Die dünnen Gespräche wirken noch ein wenig gezwungen. Wer will es uns angesichts der Uhrzeit verübeln.

Dann heißt es auch schon wieder "Briefing", was wir begrüßen, denn es lenkt uns von unserer Müdigkeit ab. Heute starten wir früh mit dem Merlot Riff, das uns laut Aussage unseres Guides Hammerhaie in Aussicht stellt. "With a little luck" könnten sich dann auch noch Mantas hinzu gesellen... Ja, so ein bisschen Glück wäre schon was Schönes. Aber wir sind bescheiden. Alles was kommt, nehmen wir gerne, und wenn es Hammerhaie und/oder Mantas sein solle - um so besser.

Ansonsten eines ist gewiss, dass es definitiv spannend wird. Bisher wurden wir noch nicht enttäuscht.

Nach 10 Minuten Fahrt erreichen wir das Merlot Riff - die Dünung ist ein bisschen wilder als bisher - aber nicht beunruhigend. "Backroll und direkt eintauchen" - wurde kurzfristig abgestimmt und so befinden wir uns in kürzester Zeit im "Sinkflug".

Fein, das wird super!

Der erste Eindruck ist schon mal hervorragend. Tolle Rifflandschaft mit abermals Hart- und zahlreichen Weichkorallen. Auch große Fächerkorallen in prächtigem Rot entdecken wir: Teilweise so groß, dass sie uns die Sicht versperren. 

Riffbewohner gibt es ebenfalls im Überfluss: Fahnenbarsche, kleinere Zackenbarsche, Doktoren und wieder kleinere Schwärme von Süßlippen - die typischen endemischen Fischarten des Roten Meeres. 

Hie und da eine Muräne, die bedrohlich ihr Maul auf- und zuklappt. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Drohgebärde sondern schlichtweg aktives Atmen: Durch das Schließen des Mauls pumpt sauerstoffreiches Wasser zu ihren Kiemen.

Während wir mit der linken Schulter zur Riffwand entlangtauchen, zieht weiter im Blauwasser ein größerer Schwarm Hundezahn-Thunfische vorbei. Ein Teil der Fische löst sich aus der Formation und schwimmt zwischen uns hindurch.
So richtet sich unsere Aufmerksamkeit auch schließlich in Richtung Blauwasser. Makrelen jeglicher Couleur passieren und tausende Doktorfische schwärmen durch das zunehmend tiefere Blau des Meeres.

Pralles Leben... schöner Tauchgang.

Wir entdecken ein paar graue Riffhaie. Sie haben uns wahrscheinlich schon deutlich früher entdeckt, denn die Meeresräuber halten weit vor uns sicheren Abstand und entfernen sich kontinuierlich. 

Es wird Zeit für uns, den Tauchgang mit dem Sicherheitsstopp abzuschließen. Einige von uns haben bereits die 50bar-Grenze ihrer Flasche erreicht - mich eingeschlossen.

An Bord des Bootes gibt's endlich wieder 'was "zwischen die Kiemen": Frühstück!
Als gäb's kein Morgen mehr, stürzen wir uns hungrig auf das Buffet... mal wieder. Danach noch ein paar Erledigungen - "Routine" unter Deck quasi - und schon springen wir zum zweiten Briefing und im Anschluss in die Neoprenklamotten. 

Im Briefing haben uns die Guides mitgeteilt, dass wir den zweiten Tauchgang auch am Merlot Riff abhalten. Die Überfahrt nach Angarosh sei aktuell noch zu rauh. Uns soll es nicht stören. War ohnehin ein schöner Tauchplatz. Vielleicht sehen wir hier ja noch Hammerhaie und Mantas?! Ja, ,mit etwas Glück...

Auch der zweite Tauchgang am Merlot Riff ist ein Erlebnis. Das Riff ist ähnlich bunt und üppig wie beim ersten Tauchgang, jedoch fällt die Formation steiler ab als zuvor. Unter uns ist zwar der Boden erkennbar, liegt aber jenseits der von uns tauchbaren Grenzen. 

Aufgeregt schwirren an den Rändern der Wand, an der wir entlang tauchen, die Fahnenbarsche. Dazwischen die "üblichen Verdächtigen": Doktofische, kleinere Zackenbarsche und gelegentlich kleinere Schwärme Makrelen auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit, den Hunger zwischen Frühstück und Mittag zu überbrücken. 

Ein Imbiss zwischen durch kann ja nicht schaden. Ich denke kurz über das bevorstehende Mittagessen nach, verwerfe den Gedanken aber schnell, da der hohe Umgebungsdruck im Wasser noch immer meinen scheinbar prall gefüllten Magen komprimiert, was wiederum zu einem leichten Sodbrennen führt. 

Bloß nicht schon wieder essen!

Die Rifflandschaft verändert sich: Die steile Wand, an der wir entlang tauchen, flacht allmählich ab. Dafür verschwindet auch der Boden unter uns aus unserem Sichtbereich. Dafür tauchen unter uns größere schön bewachsene Korallenblöcke auf, deren Erbauer die aus unerklärlichem Grund vor Äonen entschieden haben, ihre seltsamen und doch erstaunlichen Gebilde genau an dieser Stelle zu erbauen. 

Für einen kurzen Moment verliere ich meinen Buddy in dem Gewirr aus Korallenblöcken und finde ihn nach kurzer Zeit wieder. Wir beide haben uns der Faszination hingegeben.

Die ersten Hammerhai

Als wir unseren Blick wieder nach vorne richten, entdecken wir, wovon wir nicht hätten träumen wollen: 3 Bogenstirnhammerhaie etwa 30 Meter von uns entfernt - viel zu weit, um gute Fotos machen zu können, aber ausreichend nah, um unsere Herzen deutlich schneller schlagen zu lassen.

YES! Vor Freude ballen und heben wir die Fäuste und jubeln uns durch den Atemregler zu, was für Außenstehende durchaus befremdlich wirken mag. Ob die Hammerhaie dies ähnlich gesehen haben, werden wir nie erfahren. Nur waren sie  so schnell weg, wie sie auch aufgetaucht waren.

Nach dem Tauchgang bleibt irgendwie der Zweifel haften, ob wir tatsächlich Hammerhaie gesehen haben...
Wie beim Tauchen so oft, empfinde ich das Erlebte wie im Traum. Die fremdartige Landschaft, die optischen Eindrücke, Akustik und die anderen Druckverhältnis und auch der Zustand des Schwebens wecken Erinnerungen an Träume und versetzen mich jedes Mal in einen fast tranceartigen Zustand, der mich glauben machen will, ich träumte.

Aber nein, kein Traum: Die Hammerhaie waren echt.


Angarosh

Nach dem zweiten Tauchgang, der für uns äußerst zufriedenstellend war, legen wir Tauchkleidung und -Ausrüstung ab. Es dauert nicht mehr lange und - wer hätte es anders erwartet - dann gibt es schon wieder Futter! Nicht weiter erwähnenswert, aber wir alle haben wieder Hunger.

Nachdem auch die Crew gegessen hat, werden die starken Dieselmotoren angeworfen: Die tiefen Vibrationen der Aggregate erschüttern den kompletten Schiffsrumpf. Jetzt heißt es "Leinen los und auf nach Angarosh".

Bis zur Ankunft geht man an Deck der Leichtigkeit des Nichts-Tuns nach. Lesen, Sonnenbaden oder einfach nur Dösen - alle tun's, keinen interessiert's. Die üblichen Gewohnheiten an Bord eines Safariboots wollen gepflegt werden.

Kaum bin ich selbst ein wenig eingedöst, da drosseln die Motoren ihre Fahrt und ein erneutes Rangiermanöver wird eingeleitet. Herrjeh, wir sind angekommen. Da gilt es mal langsam wieder klar zu werden. Sicherlich erfolgt in Kürze ein weiteres Briefing. Nebenbei erwartet uns auch eine raue See: Der Wind hat aufgefrischt und schiebt die Wellen gegen das Riff. Die Brecher färben das Wasser im Bereich, wo Luft und Wasser verwirbeln, zur Farbe von grünem Milchglas.

Sieht recht turbulent aus, doch offensichtlich kein Problem - denn der Tauchgang findet statt... alles bestens!

Insgeheim lächeln wir uns gekonnt die Sorgen bezüglich der Turbulenz des Oberflächenwassers weg. Man(n) gibt sich betont männlich, Frau übrigens auch. Beim Tauchen kennt man keine Ängste.
Glücklicherweise waren diese auch unangebracht beziehungsweise haben sich nicht bestätigt. Wenige Meter unter Wasser bekommt man von dem Trubel an der Wasseroberfläche nichts mehr mit.

Wir wenden den Blick ab von der schäumenden Dünung und blicken auf das abfallende Riff unter uns. Wir halten uns nicht lange mit Details auf, denn wir halten Ausschau nach Hammerhaien. So halten wir zielsicher auf das Blauwasser zu, denn, so war uns im Briefing versichert worden, hier sollen sich die versprochenen Hammerhaie in größeren Schulen aufhalten. 

Feinfeinfein! Die Spannung steigt, wir sind noch aufgeregter als sonst und ungeahnte Kräfte beflügeln uns, das hohe Tempo, das der Guide vorlegt, aufrecht zu halten. Der Boden unter uns sinkt weiter ab und es fällt mir nicht ganz leicht, mich vertikal zu orientieren. Ständig blicke ich auf den Tiefenmesser, um eine möglichst konstante vertikale Position zu halten. Und so entgeht mir zunächst das Schauspiel, das sich vor unseren Augen abspielt.

Erst als ich sehe, dass die anderen Taucher unserer Gruppe ihre Position verlassen, blicke ich auf und versuche, dem Grund der allgemeinen Aufregung auf die Spur zu kommen. 

Warum nochmal waren wir hier? Ach, richtig... Hammerhaie...

Ich brauche nur nach vorne zu schauen, dann fällt es mir sprichwörtlich wie Schuppen von den Augen. Etwa 20 Meter vor mir sehen ich ein Hammerhaiweibchen, dessen Konturen sich vor dem dunkleren Hintergrund ausmachen. Die fehlenden Klasper (paarweise angeordnete männliche Geschlechtsorgane der Haie und Rochen) schließen eine Verwechslung aus.

Ich versuche näher heran zu kommen, doch sobald ich ein paar Meter überwinde, geht der Hai durch minimale Änderung der Stellung von Brust- und Schwanzflosse auf Distanz. Ein gutes Close-up wird mir wohl nicht gelingen. Aber ich lasse den Fotografen in mir links liegen und genieße die Eindrücke. Beim Umsehen fallen mir im Hintergrund noch weitere Hammerhaie auf. Tatsächlich scheint eine kleine Schule zusammengekommen zu sein. Später schätzen wir deren Stärke auf rund 30 Tiere ein.

Eins dürfte sicher sein: Bei allen anwesenden Tauchern dürfte sich spätestens jetzt, Schnappatmung eingestellt haben.

Und dann verschwinden die Tiere wieder im tiefen Blau des Ozeans. Und auch für uns ist es Zeit, wieder den Weg zurück zum Riff zu nehmen. 

Warum wir zu Beginn des Tauchgangs ein so hohes Tempo aufrechterhalten konnten, wird mir beim Weg zurück zum Riff klar. Wir hatten "Rückenwind". Die Strömung, gegen die wir nun ankämpfen müssen, macht mir mit meinem Kameragerödel gehörig zu schaffen.

Trotz aller Anstrengungen komme ich nur mühsam voran und der Blick auf meine Luftreserven stimmt mich alles andere als optimistisch. 60 Bar Restluft und noch jede Menge Strecke bis zum Riff. Und das bei einer Tiefe von immer noch 24 Metern.

Mist. Mein Buddy, die alte Sportskanone macht gehörig Strecke vor mir und ich verliere zusehends den Anschluss.

Ruhig bleiben, jetzt bloß keine Hektik aufkommen lassen.

Schließlich erreiche ich abgeschlagen das Ziel: Das Riff bietet mir wieder Orientierung und die Strömung verliert hier an dem natürlichen Hindernis ihre Intensität. Nachdem wir uns von der Anstrengung erholt haben, tauchen wir ins flache Wasser auf, um meine schwindenden Luftreserven schonen zu können. 

Nachdem die Anspannung vorbei ist, kehren die unbeschreiblichen Eindrücke wieder: Hammerhaie, das Ziel unserer Reise - CHECK! Auch wenn uns dieses Ereignis verwehrt geblieben wäre, hätte sich jeder Tauchgang bisher gelohnt. Und dennoch war es unser sehnlichster Wunsch, Hammerhaie zu sehen und unser Wunschtraum ist nun wahr geworden.

Anekdote an Bord
Dass das Glück einem nicht immer hold ist, wird uns erst klar, als wieder zurück an Deck sind. Während wir uns unserer Tauchausrüstung entledigen, kommen wir mit anderen Teilnehmern unserer Safari ins Gespräch. Eine italienische Gruppe war kurz vor uns ins Wasser gegangen. Filippo aus besagter Gruppe fragt mich, ob wir "martelli" gesehen hätten. Mein euphorisierter Geist braucht einen Moment, um auf die Sprünge zu kommen, Filippo hilft nach: "hammerheads?"

Das Strahlen der Erleuchtung ermächtigt sich meiner Gesichtszüge und debil grinsend nicke ich wie von mechanisch. "Yes, we saw them", bestätige ich ihm unsere Hammerhai-Sichtung. Er schüttelt ungläubig den Kopf. "Impossibile", beharrt Filippo und ich muss Stein und Bein schwören, bis er mir schließlich Glauben schenkt. Wir dürften der italienischen Gruppe nichts davon erzählen, sagt er mit einem Augenzwinkern, sie würden sterben vor Eifersucht. Sie hätten nur graue Riffhaie gesehen, aber keine "martelli". 

Ebenfalls mit einem Augenzwinkern gebe ich ihm mein Versprechen, über das Erlebte Stillschweigen zu wahren. Einerseits bin ich ein wenig irritiert, inwieweit die Aussage Filippos ernst zu nehmen ist, andererseits auch ein wenig amüsiert.

Das Gespräch mit Filippo bringt uns der italienischen Gruppe näher, was zur Folge hat, dass wir zu dem Vergnügen gelangen, eine nachmittägliche Vesper vom Feinsten verkosten zu dürfen. Die Gruppe hat, wie schon eingangs erwähnt, allerlei unentbehrliche Spezialitäten ihrer Heimat mit in den Sudan "geschmuggelt". Geschmuggelt deswegen, weil allein schon das Einführen von Schweinefleisch in ein streng muslimisches Land sicher problematisch sein könnte.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Verpflegung ohnehin vorzüglich ist, erscheint mir die Tatsache bedingt nachvollziehbar. Die Qualität der dargebotenen Antipasti lässt aber über die Absichten der Italiener keinen Zweifel aufkommen: Vom Feinsten, da kann die Bordkombüse nur schwer mithalten. Mortadella, Parmiggiano, Wildschweinschinken, eingelegte Oliven und weitere Delikatessen lässt die Feinschmeckerherzen höher schlagen. 

So lässt sich der ideal ausklingen, auch wenn für den Abend kein Nachttauchgang geplant ist. Die Witterungsverhältnisse sind immer noch ein wenig zu rau, daher wird die Sicherheit der Taucher dem Vergnügen vorgezogen. Für morgen sind noch zwei Tauchgänge für den Vormittag bei Angarosh geplant. Insofern stört es nicht, dass es heute Abend nicht nochmal ins Wasser für uns geht.

Die beiden folgenden Tauchgänge am nächsten Morgen können sich auch insgesamt sehen lassen, auch wenn wir keine Schule Hammerhaie mehr sehen. Wie bisher an allen Tauchspots im Sudan, ist die Artenvielfalt fantastisch. Wir sehen tatsächlich beim zweiten Tauchgang noch ein paar Hammerhaie, aber diesmal sind es nur wenige Tiere, von denen wir nur einen kurzen Blick in der Ferne erhaschen können.

Aber wir sind mehr als zufrieden und schließen das Buch mit der Aufschrift "Angarosh" begeistert zu und nehmen noch vor dem Mittagessen des Tages Kurs auf Qita el Banna auf.


Tag 4 - Qita al Banna

Als wir dass Riff erreichen, steht die Sonne noch recht hoch. Die See scheint sich im Laufe der Überfahrt wieder ein wenig beruhigt zu haben. Unser Boot liegt fest vertäut in der sanften Dünung, während wir wieder ein Briefing über uns ergehen lassen. 

Qita al Banna ist eine kreisförmige Riffformation, die an einigen Stellen steil auf eine Tiefe von bis zu 500 Metern abfällt. Uns steht ein Steilwandtauchgang bevor. Der Tauchplatz selbst ist nicht der bekannteste im Sudan. Trotz allem muss sich das Riff nicht hinter den großen Namen der Topspots Sudans verstecken.

Wir zumindest freuen uns auf Steilwandtauchen vom Feinsten - denn das verspricht uns die Crew während des Briefings. Nachdem die Gruppeneinteilung steht, geht es direkt vom Taucherdeck aus ins Wasser. Wir stoßen auf geringe Strömung, der wir, wie besprochen, zu Beginn des Tauchgangs entgegen schwimmen. 

Die Augen in Richtung Steilwand gerichtet, erblicke eine nahezu lotrechte Riffwand, die ins Bodenlose abfällt. Das Riff ist wie an allen bisherigen Tauchplätzen wunderschön bewachsen und macht einen gesunden Eindruck.

Sowohl die hohen Korallendichte als auch die große Artenvielfalt veranschaulichen die Vitalität des Riffes. Wir genießen den Anblick der intakten Natur und da inzwischen auch die Strömung gänzlich nachgelassen hat, verleben wir den sehr entspannten Tauchgang.

Entgegen jeder Erwartung kommt urplötzlich Unruhe auf, als einige in der Gruppe einen Rochen im Freiwasser entdecken. Das Tier ist soweit erkennbar recht groß. Die charakteristischen Kopfflossen lassen jeglichen Zweifel verblassen: Der große Rochen lässt sich in die Unterordnung der Teufelsrochen eingliedern.

Es ist ein Manta!

Auch wenn es in diesen Breiten des Roten Meeres durchaus kein seltenes Phänomen ist, so hätten wir mit einer Begegnung mit dem Riesenmanta nicht gerechnet und sind umso mehr begeistert, das Tier in seinem natürlichen Umfeld erleben zu dürfen.

Weniger begeistert schein der Manta selbst zu sein, denn gemächlich zieht der dem Hai verwandte Knorpelfisch an unserer Tauchgesellschaft vorbei. Er schenkt uns wenig bis keine Aufmerksamkeit und nach wenigen Augenblicken entschwindet der majestätischen Rochen aus unserem Sichtfeld.

Während einige der Taucher noch länger ihre Augen in Freiwasser blicken lassen, wende ich mich wieder der Rifflandschaft zu und versenke mich wieder in den Zustand tiefster Entspannung.

Von wegen Entspannung!

Abermals werde ich aus meiner Kontemplation gerissen. Und wieder richtet sich der Fokus weg vom Riff in Richtung Pelagial. Es ist, als ob Weihachten und Ostern am heutigen Tag zusammengelegt werden sollen: Vor mir schwimmen zwei Hammerhai gelassen an uns vorbei. Ein Buddyteam löst sich aus unserer Gruppe heraus und steuert direkt auf die zwei Haie zu.

Wie oft in solchen Fällen haben die Raubfische da überhaupt gar keine Lust drauf; direktes Anschwimmen scheint für Fische im Allgemeinen eher uncool – wahrscheinlich sogar bedrohlich. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die anvisierten Haie das Weite suchen. Mit wenigen kraftvollen Schlägen ihrer Schwanzflossen schlagen sie einen Haken und verschwinden im tiefen Blau.

Schön war’s – ganz ohne Zweifel. Und zufrieden beenden wir den Tauchgang am Riff Qita al Banna, das, obwohl es nicht in den Tauchplatzbeschreibungen der einschlägigen Reiseanbieter auftaucht, für meinen Geschmack ein echtes Highlight darstellt.

An Bord erfahren wir, dass wir keinen Nachttauchgang hier machen werden. Klar, eine Steilwand als Revier für einen Nachttauchgang wäre fast schon fahrlässig. Und somit stimmen alle überein, dass dies der erste und leider auch letzte Tauchgang dieses Mal bei Qita al Banna war. 

Außerdem wollen wir die Strecke bis nach Sanganeb morgen früh geschafft haben, denn der early morning dive soll uns an die nördliche Seite des ruhmreichen Tauchgebietes führen.


Tag 5 - Sanganeb

Es ist unser fünfter Tag an Bord der Sherazade und gerade mal wieder 05.30 Uhr, als das sanfte aber bestimmte Klopfen an unserer Kabinentür den early morning dive einläutet. Wie immer sollen wir uns bis 06.00 Uhr zum Briefing an Deck einfinden. 

Ich bekomme die Klüsen kaum auf und dennoch findet die Zahnbürste ihren Weg in meinen Mund. Frisch ist irgendwie anders, aber nach anstrengenden Tagen mit jeder Menge Tauchgängen kann man wohl kaum mehr erwarten. Das tut allerdings der Motivation keinen Abbruch, denn die halten alle hoch... es war - gelinde gesprochen - wunderbar bisher, und das kann uns auch die frühe Morgenstunden nicht nehmen.

Ausgeschlafen im Tauchurlaub? Eher nicht...

Ist mir auch - ehrlich gesagt - sch...-egal. Das gehört einfach zur Routine auf Safarischiffen. Zeit zum Schlafen findet sich irgendwann später..!

Alle Gäste sind pünktlich an Deck und empfangen, auch wenn die Gesprächs- und Aufnahmebereitschaft mit Sicherheit schon mal größer war, geduldig und schweigsam ihre Einweihung in den bevorstehenden Tauchgang.

Der erste Tauchgang führt uns nach Sanganeb an die Nordseite des Tauchplatzes. Sanganeb kennzeichnet ein großer Leuchtturm, dessen 268 Stufen auf Wunsch bestiegen werden können und einen schönen Ausblick über das Riff geben. Ich, so muss ich zu meiner Schande gestehen, bin zu schlapp, an der späteren Exkursion teilnehmen zu wollen und spare mir die Kräfte für die Tauchgängen auf.

Die Nordspitze von Sanganeb erweist sich als die rauere Seite. Unser Dinghi kämpft sich eine Weile durch die Dünung, bis sich Bootsführer und Guide darüber einigen, den Tauchgang im nördlichen Teil der Lagune zu beginnen.

Schnell geht es nun nach dieser kurzen Verzögerung ins Wasser und auf einer Tiefe zwischen 1 bis 3 Metern über die nördliche Begrenzung der Lagune hinweg. Da wir nur knapp unter der Wasseroberfläche tauchen, ist der Wellengang über uns deutlich zu spüren. Die Kraft der eingehenden Wellen wirft uns immer wieder ein gutes Stück zurück, bis wir über das Riffdach hinweg sind und das Riff hier beginnt ab zu fallen.

Im flachen Bereich tummeln sich Makrelen, Doktorfische und – ein bisschen versteckt und daher schwer zu entdecken – ein Schwarm Glasfische geschützt unter einen Überhang.

Auf circa 20 Meter erreichen wir ein Plateau, das mit Korallen übersät ist. Dazwischen liegen einige Korallenblöcke, die von maritimem Leben umgeben sind. Ein kleiner Schwarm junger Barrakudas zieht vorbei. Zwischen zwei größeren Korallenblöcken tummeln sich Süßlippen auf dem sandigen Boden. 

Nach einigen Minuten erreichen wir eine Stelle, an der die Strömung plötzlich stark zunimmt. Unser Guide erkundet die Lage und kommt kurze Zeit später wieder zurück und bedeutet uns, umzukehren. Die Strömung scheint zu stark und unberechenbar zu sein.

Schade, denn die starke Strömung lässt auf Riffhaie hoffen. Und wie zum Beweis taucht im Hintergrund ein grauer Riffhai auf.

Wir kehren dem Hai den Rücken und tauchen wieder auf die Riffwand zu und halten uns in westlicher Richtung. Den Rest des Tauchgangs verbringen wir im flacheren Bereich, sodass uns noch gut 20 Minuten Luftreserven verbleiben, bis wir den Sicherheitsstopp einleiten müssen.

Das Spektakuläre ist uns bei unserem ersten Tauchgang des Tages verwehrt geblieben – dennoch war es ein toller Einstieg in einen vielversprechenden fünften Tauchtag. 

Es stehen uns heute noch 3 weitere Tauchgänge bei Sanganeb bevor. Den Nachttauchgang werden wir als letzten Tauchgang des Tages nochmal hier an der Nordseite verbringen, allerdings innerhalb der Lagune, damit wir gegen die Strömung geschützt sind.


Nachttauchgang mit Gänsehaut

Nachttauchgang in der Lagune: Dieser war eher bescheiden und man hätte ihn sich zugunsten eines günstigeren Stickstoffhaushalts sparen können, wenn da nicht das Wörtchen „Wenn“ ins Spiel gekommen wäre.

Der „Querulant“ aus der Wortart der Bindewörter/Konjunktionen hätte uns Lügen gestraft, sofern wir behauptet hätten, es hätte keine besonderen Vorkommnisse gegeben.

Es war ein Moment, den man so nie vergessen wird und einem jetzt noch die Haare im Nacken aufstellt.

Gänsehauteffekt inklusive

Eine Weile tauchen wir bereits an der Riffwand innerhalb der Lagune entlang. In Gedanken bin ich bereits beim Abendessen, froh, wieder das Wasser verlassen zu haben. Gerade quält mich noch die Frage, warum ich überhaupt auf den Tauchgang mitgekommen bin, das streift etwas Großes den Schein unserer Tauchlampen. 

Zugegeben: Ich zucke ein wenig zusammen. Das ist schon ein bisschen gruselig, wenn man beim Nachttauchgang etwas sieht, das größer als ein gewöhnlicher Fisch ist. 

Dann ist das „Große“ auch schon wieder weg – mehr konnte ich nicht erkennen. Doch nach kurzer Zeit sucht das Tier abermals das Spotlight unserer Lampen: Und nun wird es uns mit einer leichten Gänsehaut klar, wer uns hier im Dunkeln Gesellschaft leistet: Kollege Longimanus – ein Weißspitzenhochseehai - gibt sich alle Mühe, uns einzuschüchtern.

Ich bin sicher, auch wenn es später keiner zugeben möchte – ein wenig Panik hatten alle.

Ich halte fest: Haisichtungen an sich sind großartig - einen Longimanus nachts allerdings ist eine ganz andere Hausnummer. Auch wenn keine unmittelbare Gefahr von dem Tier ausgehen sollte, dennoch sind es nachtaktive Jäger und wir wollen ihm nicht als potentielle Beutekonkurrenten, als die er uns betrachten mag, auf die Nerven fallen – nein, das wollen wir sicher nicht!

Aus Gründen der Sicherheit beschließt unser besonnener Guide, kein Risiko einzugehen und wir treten den Weg zurück zum Boot an. Als wir die Kehre einleiten, verlieren wir den großen Raubfisch aus den Augen. Während wir eng an der Riffwand entlangtauchen, leuchten wir in Richtung Laguneninneres. Als wir den Hai längere Zeit nicht zu Gesicht bekommen, weicht das mulmige Gefühl allmählich. 

Als wir bereits am Boot den Sicherheitsstopp absolvieren, wird es nochmal gruselig. Der Longimanus taucht erneut auf und umkreist uns neugierig. Es ist eher die Tatsache, dass er uns die ganze Zeit aus sicherem Abstand mit all seinen perfekten Sinnen beobachtet hat, als das eigentliche Umkreisen.

„Den Letzten beißen die Hunde“, denke ich selbstsüchtig und bin dieses Mal froh, nicht als Letzter das Wasser verlassen zu müssen. An Bord ist die Aufregung groß, und, als wäre die Situation nicht zumindest ein bisschen haarsträubend gewesen, spielen alle den Helden und klopfen sich auf die breite Brust.

Wie auch immer – die Situation war sicherlich nicht ganz ohne, aber der entsprechend betont lockere Umgang gehört dann auch dazu…


Tag 6 - Sanganeb Süd

Es ist der letzte Tauchtag in einer Reihe von mehr als großartigen Tauchtagen, die nun hinter uns liegen. Resümierend betrachtet komme ich nicht umhin zu konstatieren: Eine Woche mehr hätte sich durchaus gelohnt.

Zahlreiche der betauchten Riffe hätten einen weiteren Tauchgang "verkraften" können - aber es hilft alles nichts: Die Kurzvariante der Tauchsafari, die ich gebucht habe, lässt keine Alternativen zu.

Bereits morgen Abend soll uns unser Flieger wieder über den Umweg nach Kairo zurück in unsere Deutsche Heimat bringen.

Immerhin stehen uns heute noch 3 spannende Tauchgänge ins Haus. 

Am frühen Morgen geht es für uns noch zur Südspitze des Sanganeb Riffs. Um 06.30 Uhr umweht uns noch eine kühle Brise, die uns kälter vorkommt als sie tatsächlich ist.

Briefing, Anrödeln als auch die Überfahrt zur Südspitze lassen wir schnell hinter uns, als wir mit dem Rücken voran auch schon auf der Wasseroberfläche aufschlagen.

Wegen der Dünung tauchen wir direkt unter. Während über uns die Brecher zusammenschlagen und die Wasseroberfläche milchig schäumen, sinken wir auf ein ausgedehntes Plateau hinab, dessen wahres Ausmaß sich unter Wasser nur erahnen lässt.

Zwar sind die Sichtverhältnisse wie so oft im hiesigen Teil des Roten Meeres optimal, doch das sanft abfallende Riffplateau erstreckt sich weithin bis jenseits unseres Sichtfeldes.

Schon von weit oberhalb ist die Vitalität des Riffes gut erkennbar: Es wuselt nur so von kleinen Riffbarschen und Drückerfischen. Die fragilen Hartkorallen werden von Weichkorallenstöcken vielfach unterbrochen und überall wimmelt es nur so vor Leben.

Ein großer Napoleon nimmt uns in Augenschein und sucht dann gelassen aber stetig Abstand zu unserer Gruppe. Voller Euphorie entdecken wir auch an diesem Tauchplatz einen großen Schwarm Barrakudas und als wäre das schon nichts, umkreisen uns zahlreiche Buckelkopfpapageienfische.

Uns stockt der Atem - so schön ist es hier.

Und obwohl wir irgendwie alles bereits gesehen haben, können und wollen wir den Blick von dieser fantastischen Unterwasserlandschaft nicht lösen.

Wir erreichen nach wenigen Minuten die östliche Riffkante - schon auf dem Weg hierher hatten wir zwei Riffhaie ausmachen können, die im strömungsreichen Bereich nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau halten.

Auf fast 30 Meter sind wir nun herabgetaucht und die Strömung an der Kante zwingt den ein oder anderen, seinen Strömungshaken zu setzen. 

Mit Mühe finde ich hinter einem Korallenblock Schutz im Strömungsschatten und fasse wieder Atem, während ich die Szenerie auf mich wirken lassen. Ich versuche mühsam einige Aufnahmen zu schießen, doch das gelingt nur bedingt. 

Auch bereitet mir mein Flaschendruck Sorgen, denn auf der aktuellen Tiefe habe ich in der Strömung viel Luft verbraucht. Aber noch habe ich noch genügend Reserven und so folge ich dem eleganten Patrouillengang der zwei grauen Riffhaie, die noch immer an der Riffkante unter uns entlanggleiten.

Nach wenigen Augenblicken winkt uns unser Guide heran und veranlasst uns, wieder in den flacheren Bereich zurück zu tauchen. Genau rechtzeitig, denke ich, denn es verbleiben nur noch 65 Bar in meiner Tauchflasche.

Und so sollte auch dieser fantastische Tauchgang am Riff Sanganeb Süd entspannt enden, wäre da nicht noch ein erwähnenswertes Missgeschick, dass einem der italienischen Taucher widerfahren ist.

Ein Taucher abgängig

Als wir an Bord unseres Dinghies gelangt sind, wird trotz der Sprachbarrieren klar, dass es ein Problem gibt: Die italienischen Gäste tauschen nervöse Blicke und eine der weiblichen Gäste gestikuliert wild mit ihren Händen, während sie energisch auf unseren Guide einredet.

Der wahre Grund wird uns erst klar, als der Rest der Truppe auf Englisch um Mithilfe gebeten wird: Einer der Taucher ist nicht auffindbar - er scheint von der Strömung abgetrieben worden zu sein und wir sind angehalten, nach ihm Ausschau zu halten. 

Der Alptraum eines jeden Tauchers und eines jeden Guides! Der Gedanke allein weckt schon Unbehagen. 

Doch so sehr wir uns anstrengen, können wir doch nichts entdecken und der Taucher bleibt verschollen. Unsere Blicke werden immer nervöser und die Frau gerät allmählich an die Grenzen ihrer nervlichen Belastbarkeit.

Nach scheinbar nicht enden wollenden Minuten des Bangens schreit unser Guide einige arabische Befehle dem Bootsführer entgegen und dieser setzt das kleine Beiboot mit Vollgas in Bewegung. 

Und tatsächlich, obwohl der Taucher gegen das Sonnenlicht abgetrieben war, hat unser Tauchguide ihn in einer Entfernung von knapp 200 Metern ausmachen können - was für ein sensationelles Glück der italienische Taucher hatte, lässt sich leicht erahnen: Einige Minuten später und er wäre verloren gewesen.

Glücklicherweise hatte er eine Dekoboje dabei, dessen grelle Farbe zuletzt noch die Aufmerksamkeit unseres aufmerksamen Crewmitgliedes erregte.

Wieviel Glück er hatte, wird nicht mal dem Italiener selbst deutlich. Er spielt die Situation bewusst mit viel Machogehabe runter - alles sei doch halb so wild. Er habe ein bisschen zu tief durch den Sucher seiner Kamera geblickt und so die Orientierung verloren.

Das Lächeln zu seinen selbstbewussten Worten wirkt eher verlegen und spricht Bände.

Fragwürdig an sich ist auch die Tatsache, wie sein Buddy ihn so sehr aus den Augen verlieren konnte, insbesondere, weil sein Buddy seine Ehefrau war - jene Dame, die an Bord des Beibootes in hektisches Gestikulieren und Schnappatmung verfiel.

Aber hey, alles nicht dramatisch – kein Ding!

Nach diesem Schreckmoment erreichen alle wieder wohlbehalten das Safariboot. Und auch wenn der beschriebene Vorfall den Tauchgang ein wenig überschattet, so war es dennoch ein unvergessliches Erlebnis.

FORTSETZUNG FOLGT!

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