Reisen und Tauchen

Wer so heiß auf’s Tauchen ist wie ich, der steckt in Bezug auf das Reisen in einem Dilemma. Man bereist die schönsten Länder und verbringt in vielen Fällen mehr Zeit auf oder unter Wasser als auf dem Festland.

Land, Leute und Kultur bleiben oftmals zu Gunsten atemberaubender Unterwasserwelten auf der Strecke; hört sich nach Jammern auf hohem Niveau an, was es in Teilen sicher auch ist.

Mir geht es oft so, dass ich wehmütig bei der Abreise feststelle, wie sehr ich das betauchte Land vermisse, von dem ich eigentlich kaum etwas gesehen habe. Als Vieltaucher kennt man die Einheimischen bestenfalls vom Hotelempfang, als Tauchguides in der Basis. Aufgrund der Gebundenheit an die örtliche Basis kommen wir Taucher nicht wirklich weit rum… bestenfalls auf einer Tauchsafari (link Tauchsafari). Aber eben auch da: Nur über Wasser und unter Wasser.

Segen und Fluch zugleich

Ich war früher gerne ohne festes Ziel unterwegs aber mit konkreten Plänen. 5 Wochen Thailand von Nord nach Süd und Ost nach West. Dank großartiger Gastfreundschaft von jungen Thaifreunden konnte ich die interessantesten Ecken Bangkoks kennengelernt und konnte auch Dank meiner Flexibilität das Land mit anderen Augen kennen lernen. Im Übrigen wollte ich damals in Thailand bereits mit dem Tauchen anfangen. Eine Schnorcheltour hatte mich angefixt. Nur ein dummer Motorradunfall konnte mich letztlich von meinem Vorhaben abbringen.

Seit ich tauche, hat sich alles geändert

Ich habe viel dazu gewonnen, ganz klar. Niemals würde ich die Uhr zurückdrehen wollen. Denn ich bin sofort schwerstabhängig geworden – vom Tauchen. Egal, wohin die Reise geht, es muss getaucht werden (mit ganz wenigen Ausnahmen).

Luxusprobleme

Ja, es hört sich tatsächlich danach an. Einerseits ist es wunderbar. Wer es sich leisten kann, sucht sich tropische Gebiete aus, die oft in weiter Ferne liegen. Für Bewohner des deutschsprachigen Raums bietet Ägypten noch immer ideale Tauchbedingungen. Ich selbst habe 8 Mal Ägypten betaucht (davon zweimal per Safarischiff). Dann zog es mich rund um die Welt – Yucatan, Oman, Indonesien, Sudan, Polynesien, Philippinen, Azoren, Madeira, Sardinien, Malediven und wo sonst noch hin. Doch wirklich viel gesehen von den besuchten Ländern habe ich. Nun – so viel eben möglich war. Definitiv weit weniger, als wenn ich nicht durch mein Hobby gebunden wäre.

Es liegt allen Tauchurlauben oftmals die gleiche Gemeinsamkeit zu Grunde: Die örtliche Gebundenheit an die lokale Tauchbasis. Die Nähe zur Basis ist für uns Taucher essenziell wichtig. Um nicht zu lange unterwegs zur Tauchbasis und zurück zur Unterkunft zu sein, ist eine schnelle Anbindung unerlässlich – idealerweise zu Fuß. Das bedeutet schon bei der Planung der Reise gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Wahl des Reiseziels.

Aber auch das zusätzliche Tauchgepäck macht Reisende sowohl geistig als auch körperlich alles andere als flexibel, obschon ich selbst stets versuche, mein Reisegepäck auf ein Minimum zu reduzieren. Der Tauchrucksack bleibt immer gleich voll. Und wer schon mal unhandliche 28 kg über den Kopf hinweg auf dem Bus verstaut hat, der wird mir Recht geben… Das „Ding“ schleppt man nicht unnötig durch die halbe Weltgeschichte. Von der kompletten Kameraausrüstung ganz zu schweigen. Bei mir hängt auf Tauchreisen ein rund 12 kg schwerer Rucksack am Rücken und auf dem Bauch noch ein weiterer Rucksack mit den wichtigsten Reiseunterlagen. Traumhaft.
Nicht, dass es mich stören würde, wie die touristische Neuinterpretation Hugos Romanfigur „Quasimodo“ auszusehen – das Tauchgerödel ist einfach hinderlich und der sprichwörtliche „Riesenklotz am Bein“, der einem Beweglichkeit und Flexibilität raubt. Manchmal auch den letzten Nerv.

Nein, mir reicht‘s, wenn das gesamte Gerödel in die Unterkunft verbracht wurde. Erstmal ausgepackt und verstaut reicht mir der Gedanke, dass ich am Ende der Reise alles wieder fein verpacken darf. Ein Grauen, das man aber bei dem ein oder anderen angenehmen Tauchgang schnell vergisst.
Natürlich bereue ich nichts… die eigene Ausrüstung ist perfekt. Wir sind ein gut eingespieltes Team, die Tauchausrüstung und ich. Und so soll es bleiben.

Faktor Zeit

Ja, und dann kommt noch das Thema Zeit. Insbesondere wer fest in Lohn und Brot steht, der kann seinen Chef so lange beknien wie er will.

„Mehr Urlaub gibt es nicht und damit Basta!“

Im besten Fall kann man mal 4 Wochen am Stück Urlaub nehmen – wohl eher die Ausnahme.
Eine kürzere Reisezeit ist für mich bei Fernreisen schwer vorstellbar. Je nach Reiseziel verbrät man schon mal für die Anreise 2-3 Tage (Ich erinnere mich an die Anreise nach Fakarava über Paris – Los Angeles – Tahiti: Inklusive erster Übernachtung am Flughafen Papete waren wir 52 Stunden unterwegs). Da schmelzen schon die ersten Urlaubstage für den Weg dahin.
Und vor Ort möchte man ja ausgiebig tauchen – und auch ein bisschen vom Land über Wasser entdecken. Und Ausspannen.. das gab’s ja auch noch!

Motivation, anderes zu erleben

Auch die Motivation, anderes zu erleben, hält sich meist in Grenzen. Es gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Beim Tauchen gibt es nur Tauchen, Essen und Schlafen.
Nun ja, das mag übertrieben scheinen, aber bedenken wir großzügig die Zeit der Nahrungsaufnahmen (Essen, Essen und Essen!) und die Müdigkeit nach dem Tauchen: Die Zahl der sonstigen Ausflüge und Erkundungstouren mit dem Rucksack reduzieren sich auf ein Minimum.
Zum einen will man an Tauchgängen möglichst nichts verpassen zum anderen steht die Motivation nicht ganz so hoch im Zenit, wenn das Bedürfnis nach Abenteuern bereits durch den ein oder anderen aufregenden Tauchgang befriedigt wurde.

Es gilt, die Hauptattraktionen im nahen Umfeld der Basis abzuklappern – wenn überhaupt.
Mir persönlich fehlt oft etwas, das Besondere. Das, was nicht aus dem Katalog serviert wird. Aber ändern ist schwierig. Aus bereits genannten Gründen fehlt oft der Antrieb. Ich hänge lieber mit einem Buch in der Sonne ab als mich in ein 3-tägiges Dschungelabenteuer zu stürzen – einfach weil ich schlapp bin.

Kurzum: Ich bin an Basen gebunden, an Infrastruktur und an angegliederte Hotelanlagen oder Resorts, die ich liebend gerne meiden würde, da mir das Bewegen abseits der ausgetretenen Touri-Pfade weit besser gefiele. Aber die Motivation meines durch das viele Tauchen erschöpften Körpers läuft nicht gerade im oberen Drehzahlbereich.

Es gibt nur das Eine oder das Andere

Die Individualität ist bei Tauchreisen bleibt bei Tauchreisen oft auf der Strecke. Das merkt man bereits beim Auswählen und Buchen der Reise. Insbesondere Tauchreiseanbieter, von denen man es erwarten sollte, tun sich häufig mit individuellen Angeboten schwer. Standardmodule lassen sich in der Buchungsmaske schnell per Mausklick hinzufügen. Diese tauchen dann aber als identischer Klon beim Vergleichsangebot der Konkurrenz auf, was nichts als Ernüchterung mit sich bringt und der Erkenntnis, dass letztlich nicht das interessantere Angebot entscheidet sondern der günstigere Preis. Hmmm… und das war’s dann also?
Hinzu kommt noch das sperrige Tauchgepäck wie eine unförmige Fußfessel, die die Flexibilität unerbittlich einschränkt.

Wer also reist um des Tauchens Willen, der muss tatsächlich Kompromisse eingehen und Einschränkungen hinsichtlich der Individualität der Reiseziele in Kauf nehmen. Ausgenommen sind vielleicht jene, die über uneingeschränkte Ressourcen an Zeit und Geld verfügen… Was mich betrifft: Da bin ich leider raus!

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